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VFR-Flugplanung in Deutschland — 7 Schritte

Vom Routenkonzept bis zum Take-Off: Wie Sie als VFR-Pilot in 30 Minuten sicher planen — mit einem Beispiel aus dem Frankfurter Luftraum.

Plan the flight, fly the plan

Eine alte Pilotenweisheit: Plan the flight, and fly the plan. Sie ist alt, weil sie funktioniert. Strukturierte Flugplanung ist der wichtigste Sicherheitsfaktor in der Allgemeinen Luftfahrt — wichtiger als gutes Flugzeug, wichtiger als gute Avionik, wichtiger als Routine. Eine saubere Planung deckt vorab das auf, was später im Flug zum Problem werden würde: zu wenig Treibstoff, gesperrter Luftraum, unerreichbares Ausweichziel, Wetter im Anflug.

In diesem Ratgeber gehen wir die VFR-Flugplanung in sieben strukturierten Schritten durch. Der Anspruch: In 30–45 Minuten kommen Sie von der Idee „Ich fliege heute Nachmittag nach Mannheim" zu einem belastbaren Flugplan, mit dem Sie sicher abheben können.

Als Beispiel-Strecke nehmen wir den klassischen Ausflug, den unsere Schüler und Charter-Kunden häufig fliegen: EDFE Egelsbach nach EDFM Mannheim. Eine kurze Strecke (~33 NM Direct), gut machbar an einem Wochenend-Nachmittag — aber mit ein paar Tücken: man durchquert den Bereich südlich der Frankfurter TMA, muss die Mannheimer Kontrollzone sauber anfliegen und bei einem 3,5°-Gleitpfad landen, der steiler als der Standard ist.

Schritt 1 — Routenkonzept

Bevor Sie eine Karte aufschlagen, beantworten Sie sich drei Fragen:

  1. Wann fliege ich? Tageszeit, Wochentag (Geschäftsverkehr ja/nein), Sonnenuntergangs-Zeitpunkt (für VFR-Bedingungen relevant)
  2. Welche Strecke? Direkt? Mit Sightseeing-Umweg? Nach welchen Pflichtmeldepunkten?
  3. Welches Ausweichziel? Falls EDFM zu — wohin? EDFZ Mainz-Finthen? EDDF nicht (geht im VFR-Privatflug eh nicht)

Für unser Beispiel:

  • Ziel: EDFM Mannheim (City Airport)
  • Streckenführung: Egelsbach → Pflichtmeldepunkt Delta (Autobahnkreuz A5/A67/A672 südwestlich von EDFE) → entlang der Bergstraße → CTR-Eintritt EDFM
  • Track: ca. 195° (SSW) Direct
  • Distanz Direct: ~33 NM (~60 km)
  • Voraussichtliche Flugzeit C172: ~15–20 Minuten reine Flugzeit (Block: 25–30 Minuten inklusive Rollen, Run-up, Anflugverfahren)
  • Ausweichziel: EDFZ Mainz-Finthen oder EDRY Speyer (alternativ EDFB Reichelsheim)

Wichtig zur Geographie: Die Frankfurter Kontrollzone (CTR EDDF) liegt nördlich von Egelsbach. Wer nach Mannheim fliegt, fliegt nach SüdSüdWest — die CTR ist also gar nicht im Weg. Das eigentliche planerische Thema sind die Frankfurter TMA-Stufen, die mit ihren Untergrenzen (z. B. 2.500 ft, 3.500 ft) den nutzbaren VFR-Höhenkorridor zwischen Egelsbach und Mannheim begrenzen. Eine typische Reiseflughöhe für diese Strecke ist 2.500 ft MSL bzw. abhängig vom Halbkreisflughöhensystem nach VFR-Quadrant.

Schritt 2 — Wetter

Das Wetter ist der größte VFR-Showstopper. Eine Wetter-Recherche umfasst mindestens vier Quellen:

  • METAR (aktuelle Beobachtung) für Start-, Ziel- und Ausweichplatz
  • TAF (Vorhersage 24/30h, je nach Platz)
  • SIGWX-Karten (Significant Weather, vom DWD)
  • GAFOR (Streckenwetter speziell für deutsche VFR-Piloten — Gebiete und Buchstaben-Codes O/D/M/X für Open/Difficult/Marginal/X-ray)

Was Sie konkret prüfen

  • Wolkenuntergrenze (BKN/OVC): mindestens 1.500 ft AGL für komfortables VFR (gesetzlich kann 1.000 ft AGL ausreichen — komfortabel ist es nicht)
  • Sicht: mindestens 5 km — gesetzlich abhängig vom Luftraum, praktisch sollten 8+ km sein
  • Wind: Stärke und Richtung am Start- und Zielplatz, vor allem Crosswind-Komponente prüfen
  • Vereisungsgefahr: Temperatur und Feuchtigkeit prüfen — bei OAT unter +5 °C in Wolken oder bei sichtbarer Feuchte ist Tragflächenvereisung möglich
  • Gewitter (TS): Auch entferntere Gewitter erzeugen Turbulenzen über große Distanzen — strikt umfliegen oder am Boden bleiben

Quellen

  • DWD Selbstbriefing (kostenlos online, offizielle Daten)
  • AOPA Aviator oder EasyVFR4 (Pilot-fokussierte Apps)
  • SkyDemon, Air Navigation Pro, ForeFlight (Karten + Wetter integriert)

Goldener Rat: Verlassen Sie sich nie auf eine einzige Quelle. Vergleichen Sie 2–3, vor allem wenn das Wetter grenzwertig ist.

Schritt 3 — Luftraum & Karten

Deutschland hat eine komplexe Luftraumstruktur. Für VFR-Piloten relevant sind primär:

  • Klasse C/D: kontrolliert, Funk-Zwang, ATC-Freigabe
  • Klasse E: kontrolliert, aber für VFR ohne Funkzwang (oberhalb 2.500 ft GND meist)
  • Klasse G: unkontrolliert, Sichtflug — in Deutschland typischerweise unter 2.500 ft GND außerhalb von CTR/TMZ/RMZ-Zonen
  • TMZ/RMZ: Transponder bzw. Funk-Pflichtgebiete
  • CTR: Kontrollzone um kontrollierte Plätze
  • EDR / ED-R: Beschränkungs-/Gefahrengebiete

Karten und Apps

  • ICAO 1:500.000 VFR-Karte (Papier oder digital) — Pflichtwerkzeug
  • VAC (Sichtanflugkarten) für jeden zu nutzenden Platz
  • DFS AIP (kostenlos online: alle aeronautischen Pflichtdaten)
  • Apps: EasyVFR4, SkyDemon, ForeFlight, Air Navigation Pro — alle mit aktuellen Karten + Karten-Routing

Was im Beispiel zu beachten ist

  • CTR EDFM Mannheim: GND bis 2.000 ft MSL, klein und übersichtlich. Verlassen der CTR über Pflichtmeldepunkte abhängig von der aktiven Piste — bei RWY 27 in Betrieb über Romeo, Whiskey oder Sierra; bei RWY 09 über Kilo, Echo oder Sierra. Beim Anflug Pflichtmeldepunkte aus der VAC entnehmen.
  • CTR EDDF Frankfurt liegt nördlich von Egelsbach und ist auf dem Weg nach Mannheim nicht im Weg — relevant sind die südlich anschließenden TMA-Stufen, die die nutzbare VFR-Höhe deckeln
  • ED-R-Gebiete entlang der Strecke in der aktuellen ICAO-Karte und im DFS NOTAM prüfen — Aktivitäten wechseln
  • VFR-Mindesthöhen nach SERA beachten: über dichtbesiedelten Gebieten und Menschenansammlungen mindestens 1.000 ft (300 m) über dem höchsten Hindernis im Umkreis von 600 m, sonst mindestens 500 ft (150 m) über Grund

Schritt 4 — NOTAMs

NOTAMs (Notice to Air Missions) sind kurzfristige Hinweise für Piloten — gesperrte Pisten, Beschränkungs-Aktivierungen, Treibstoff-Ausfälle, Funkfeuer-Wartung. Wer NOTAMs ignoriert, fliegt blind in vorhersagbare Probleme.

Wo prüfen

  • DFS PIB (Pre-flight Information Bulletin) — kostenlos, online
  • AIS Stuttgart bzw. Nachfolge-Systeme
  • Apps (SkyDemon, ForeFlight) ziehen NOTAMs automatisch entlang Ihrer Route

Format kurz erklärt

NOTAMs sind kryptisch. Ein typischer NOTAM sieht so aus:

A1234/26 NOTAMN
Q) EDGG/QMRLC/IV/NBO/A/000/999/4955N00831E
A) EDFM B) 2605151200 C) 2605151800
E) RWY 09/27 CLOSED DUE TO MAINTENANCE

Die wichtigen Felder: A) Flugplatz, B) Beginn-Zeit (UTC), C) End-Zeit, E) Inhalt im Klartext. Der Rest ist ICAO-Codierung — modern Tools übersetzen automatisch.

Was Sie immer prüfen

  • Pisten-Status am Start- und Zielplatz
  • Treibstoff-Verfügbarkeit am Zielplatz (manchmal AVGAS aus)
  • Aktivierung von Beschränkungsgebieten entlang der Route
  • CTR-Aktivierungen / -Deaktivierungen (manche kleine CTR sind nur zeitweise aktiv)
  • Spezielle Veranstaltungen (Großevents, Air-Shows mit Sperrgebieten)

Schritt 5 — Performance & Massen-Schwerpunkt

Bevor Sie ins Flugzeug steigen, muss klar sein: Kommt es überhaupt heile in die Luft und kommt es gewogen heile wieder runter?

Massen-Schwerpunkt (W&B)

Jedes Flugzeug hat ein zulässiges Gewichts- und Schwerpunkt-Fenster (W&B). Sie addieren:

  • Leergewicht aus dem Flughandbuch
  • Pilot + Passagiere (mit ihren tatsächlichen Gewichten — nicht „so geschätzt")
  • Gepäck in den entsprechenden Fächern
  • Treibstoff (Tank voll? halb? — prüfen vor Ort)

Berechnen Sie Gesamtgewicht UND Schwerpunkt-Lage. Wenn der Schwerpunkt außerhalb des „zulässigen Fensters" liegt, ist das Flugzeug nicht startbereit — egal wie wenig drüber.

Take-off / Landing Performance

Aus dem Flughandbuch:

  • Startstrecke bei aktuellem Gewicht, Temperatur, Druckhöhe, Wind
  • Landestrecke bei Zielplatz-Bedingungen
  • Steigleistung (besonders relevant bei warmem Sommertag mit voll beladen)

Faustregel: Berechnete Strecke + 50 % Sicherheitsmarge sollte in die verfügbare Pistenlänge passen. Wer auf Kante kalkuliert, hat keinen Puffer für Crosswind, weichen Boden, Schauer auf der Bahn.

Treibstoff-Planung

  • Reise-Treibstoff für die Strecke (mit moderaten Wind-Annahmen)
  • Reserve VFR Tag: mindestens 30 Minuten
  • Diversion-Treibstoff zum Ausweichziel
  • Kontingenz für unerwartete Umweg/Wartezeit (10 % Standard)

Bei einer C172R mit ca. 53 US-Gallonen nutzbarem Treibstoff kalkulieren Sie für den Hin- und Rückflug Egelsbach–Mannheim–Egelsbach etwa 12–14 Gallonen — Sie heben mit reichlich Reserve ab. Bei längeren Strecken wird Treibstoff schnell zum Limit.

Schritt 6 — Flugplan und Anmeldung

Wann brauche ich einen Flugplan?

Pflicht ist ein Flugplan in folgenden Fällen:

  • Auslandsflüge (Grenzüberschreitend)
  • Nachtflug (gesetzlich vorgeschrieben)
  • Search-and-Rescue-Erleichterung auch bei Inlandsflügen empfohlen, vor allem über See, Gebirge, einsamen Gegenden
  • IFR-Flüge (immer)

Für unseren Egelsbach-Mannheim-Hopper ist kein Flugplan zwingend. Ich empfehle ihn trotzdem — kostenlos, schnell, gibt SAR-Vorteile, wenn Sie nicht ankommen.

Wie geben Sie einen Flugplan auf?

  • Online über DFS AIS-CFMU (kostenlos, schnell, der Standard-Weg)
  • Per Telefon über AIS Stuttgart
  • Per App aus EasyVFR4, ForeFlight, SkyDemon (Online-Schnittstelle integriert)

PPR und Slots

Manche Plätze fordern PPR (Prior Permission Required) — eine vorherige telefonische Anmeldung. EDFM Mannheim hat kein generelles PPR und ist während der Betriebszeiten frei anfliegbar. Aber viele kleinere Flugplätze in Deutschland fordern PPR, oft Sonn- und Feiertags oder außerhalb regulärer Zeiten — immer im AIP oder in der VAC prüfen.

Großflughäfen mit Slot-Management (etwa Frankfurt, München) sind im VFR-Privatflug ohnehin Tabu — keine Sorge.

Schritt 7 — Briefing & Abflug

Letzter Schritt vor dem Take-off: das eigene Briefing.

  • Selbst-Briefing zusammenfassen: Strecke, Höhe, Frequenzen, Wetter-Trend, NOTAMs, Treibstoff, Massen, Ausweich-Plan
  • Mitflieger einweisen: Was passiert wann? Wo sind Notfall-Equipment? Wie verhält sich der Mitflieger im Cockpit?
  • Funkfrequenzen vorab notieren: Egelsbach Information 118.405, Langen Information (falls genutzt), Mannheim Tower 129.775 (Backup 122.500), Notfall 121.500
  • Notfallszenarien gedanklich durchgehen: Triebwerk-Ausfall im Steigflug — wohin? Bei Reiseflug — welche Felder eignen sich? Funkausfall — was ist das Verfahren?
  • Pre-Flight-Check nach Checkliste, Run-up nach Vorgabe, dann Take-off

Wer das alles als Routine durchgeht, fliegt entspannter. Wer es überspringt, fliegt mit unsichtbarer Hypothek.

Tools im Vergleich — was nutze ich wofür?

BereichToolKosten
Wetter (offiziell)DWD Selbstbriefingkostenlos
Wetter (pilot-fokussiert)AOPA AviatorAOPA-Mitgliedschaft
Karten + RoutingSkyDemon~150 €/Jahr
Karten + RoutingEasyVFR4~80 €/Jahr
Karten + Routing (US)ForeFlight~100 USD/Jahr
Aeronautische DatenDFS AIP / AIP VFRkostenlos online
NOTAMsDFS PIB / Appskostenlos
FlugplanDFS Online-Briefingkostenlos

Empfehlung für PPL-Schüler: Eine integrierte App (EasyVFR4 oder SkyDemon) deckt 80 % der Planung ab. Ergänzen Sie mit DWD für offizielle Wetter-Quellen und mit DFS PIB für aktuelle NOTAMs vor Abflug.

Häufige Fehler in der VFR-Planung

  • NOTAMs nicht geprüft: Klassischer Anfänger-Fehler. Eine gesperrte Piste am Zielplatz, eine aktivierte Restricted Area — und schon planen Sie um. Im schlimmsten Fall in der Luft.
  • Wetter-Trend ignoriert: METAR sagt „im Moment 8 km Sicht", TAF sagt „in 2 Stunden 3 km Schauer". Wer nur METAR liest, fliegt in den Schauer.
  • Treibstoff knapp kalkuliert: Reserve plus Diversion plus Kontingenz minus Wind ergibt schnell knapp. Lieber zu viel als zu wenig — leeres Flugzeug fliegt nicht.
  • Diversion nicht durchdacht: Der Ausweichplatz muss erreichbar sein, Treibstoff haben, geöffnet sein, eine Piste haben, die Ihr Flugzeug schafft. Drei Felder weiter zu fliegen, weil der erste Ausweichplatz auch zu hat, ist unangenehm.
  • Wenig Marge in Sicht/Wolken-Untergrenze: 1.000 ft AGL und 5 km Sicht ist gesetzlich okay — aber kein Komfort-Bereich. Bei Marginalbedingungen lieber am Boden bleiben oder VFR Special.
  • Performance-Berechnung übersprungen: Vor allem bei warmem Wetter mit voll beladen wird die Steigleistung zum Engpass. Im Sommer auf einem kurzen Platz ist das ein echtes Risiko.

Auf einen Blick — die VFR-Flugplanung in 7 Schritten

  1. Routenkonzept: Strecke, Höhen, Pflichtmeldepunkte, Ausweichziel
  2. Wetter: METAR, TAF, GAFOR, SIGWX — aus mind. zwei Quellen
  3. Luftraum & Karten: ICAO 1:500.000, VAC, AIP, App-Routing
  4. NOTAMs: DFS PIB, entlang Route + Plätze, Klartext lesen
  5. Performance & W&B: Massen, Schwerpunkt, Take-off/Landing, Treibstoff mit Reserve
  6. Flugplan: Online aufgeben, PPR-Anfragen erledigen
  7. Briefing & Abflug: Selbst-Briefing, Mitflieger-Briefing, Pre-Flight, Take-off

Geübter VFR-Pilot: alles zusammen 30 Minuten. Anfänger: 60–90 Minuten — und das ist gut so. Mit Routine geht es schneller, aber die Sorgfalt bleibt gleich. Ein Plan ist nur so gut wie das, was Sie hineinstecken.

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